Die beste schlechteste Mutter der Welt

„Sylvia! Ist der Junge immer noch nicht im Bett?!“ ruft es um halb 11 Abends böse aus dem Zimmer meiner Mutter. Es wurde wieder mal spät heute. Wir waren Einkaufen, haben gespielt, getobt, waren draußen, das Essen hat länger gedauert als geplant, das Kochen wie auch das Essen selbst. „Mama! Du hattest aber versprochen, dass wir uns einen gemütlichen Abend machen! Versprochen ist versprochen!“ Ja, das ist es. ich kann es nicht leiden, wenn man ein Versprechen bricht. Das hat mein Vater mit mir nur gemacht. Versprochen, versprochen, versprochen, aber nichts gehalten. Ich wollte das nicht. Außerdem ist es Samstag. Da darf der Zwerg länger wach bleiben. Gut, meist nur bis 10. Aber halb 11 kommt auch mal vor. An den anderen Tagen geht er pünktlich um 8 ins Bett. – „Wie soll er denn jemals Regelmässigkeit kennen lernen?! Ach, er ist heute wieder lange wach geblieben, dann geht er an morgen mal nicht zur Schule, oder?“ – Er ist noch ein Kindergarten Kind, man! Er ist nicht mehr lang klein! Irgendwann möchte er keine Zeit mehr mit seinen Eltern verbringen. Die Zeit, die ich jetzt noch mit dem Zwerg habe, koste ich voll aus.

„Sylvia, was kochst du denn heute?“ – „Hmmm…. Zwerg wollte Pommes und Nuggets (oder Pizza, Hot Dog, irgend etwas ungesundes halt)“ – „Immer dieses Fast Food!“ „Mam, wir hatten gestern Salat! (Möhrensuppe, Gemüsepfanne… weiter durch tatsächlich gesundes Essen zu ersetzten. Und ich rede hier nicht von Erdbeerkäse und Wurscht)

„Mama! darf ich das haben? Biiiiitte!“-Tiefes einatmen- „Was willst du denn damit?“ „Aber Mama! Das wollten wir doch zusammen haben! Wir wollten das, das, das und das spielen!“ Teller große, blaue Augen schauen mich an. Wolfgang linker Mundwinkel wandert nach unten, die Augen werden verdreht. Er weiß was kommt. „Nimms dir mit!“ So kommt es, dass der Zwerg, vieles, nicht nur zum Geburtstag und Weihnachten bekommt. Ist aber auch blöd. Denn das fällt fast zeitgleich, ein paar wenige Tage unterschied. Ausrede, ich weiß! – „Du verwöhnst den Jungen zu sehr. Was kommt als nächstes? Das was er haben möchte wird immer größer!“ Wir kennen alle diesen Vergleich mit dem Elefanten, oder? „Er muß auch lernen zu verzichten!“- Ja, das muß er! Macht er auch! Jedes mal wenn wir einkaufen fahren, oder zu Toys zum bummeln, möchte Junior was haben. Und es passiert tatsächlich das wir NEIN sagen, naja, ich. Wolfgang sagt schon mal eher nein. Klar ist er knötterig, läuft mit einem Gesicht hinter uns her wie 7 Jahre Regen Er fängt auch ab und zu an zu weinen, aber selten. Er bekommt nicht immer was er will. Ich gehe dann meist hinunter zu ihm auf die Knie und erkläre ihm warum er gerade jetzt diese Ding nicht bekommt. Er ist brummig, aber versteht es doch. Irgendwie. Die Dinge, die wir zwischendurch kaufen, das sind dann meist die, von denen er dann seit Wochen spricht. Und nicht die, die gerade so schon bunt sind. Oder Transformers, die er unbedingt haben möchte, weil sein Freund die auch hat, aber von uns wohl niemals bekommen wird!

Ein kleiner Junge steht mit gesenkten Kopf vor mir und ich höre eine weinerliche Stimme sagen „Mama, mir ist da was ganz blödes passiert…“ – Ich hebe meinen Kopf, drehe ihn zu ihm „Was?“ „Du wirst das sicherlich nicht gerne hören wollen!“  „Was?“ „Ich habe die ganze Milch verschüttet (die Vase ist runter gefallen, Teller ist kaputt, der Türrahmen ist aus der Wand gefallen! [Ja, das gab es wirklich mal] usw)  – Pause – „Bis du jetzt böse?“ Mein Linker Arm legt sich um den Hals vom Zwerg, hinten herum, so als würde ich ihn in den Arm nehmen, rubbel ihn den Kopf, lächle, und sage „Und wie!“ In diesem Moment sieht man, wie ihm ein Stein vom Herzen fällt. „So, und jetzt nehmen wir uns ein Tuch und wischen den Schlamassel auf“ (oder holen ein Kehrblech oder, oder, oder). Dann kuscheln wir noch ein bisschen. Er sitzt bei mir auf dem Schoß und ich erkläre ihm, dass das alles gar nicht schlimm ist, denn man kann immer wieder aufwischen oder reparieren. Außerdem hatte ich 40 Jahre Zeit (Beispiel Milch) Milch unfallfrei in ein Glas zu schütten und er erst 5 und es passieren mir auch noch Missgeschicke. Zudem sage ich ihm wie stolz ich bin, dass er sofort zu mir kam, um mir sein Unglück zu „gestehen“

Ich mache vieles falsch! Ich schimpfe! Es gibt Auszeiten in denen er doch bitte mal nachdenken soll was er angestellt, gemacht, gesagt hat. 5 bis 10 Minuten, in denen ich dann auch eine Auszeit nehmen. Ist besser so, denn dann bekomme auch ich Abstand von dem was Vorgefallen ist und ich explodiere nicht. Auszeit kommt aber super selten vor. Der letzte Fehler war sein Ninjago gedöns. Er war voll davon. Es gab nichts anderes. Wach wurde ich erst, als der Kindergarten mit mir darüber sprach. Nun war es aber auch so, dass er Zuhause zwar mit Ninjago spielte, aber nicht nur. Es gab auch noch was anderes. nicht viel und mir fällt auch gerade nichts ein, aber es gab was. Ich dachte mir, ich habe mein Star Wars, wovon ich absolut voll bin (es ist nun mal mein Hobby), Zwerg hat Ninjago. Mit dem Unterschied, dass ich etwa 10 Jahre alt war als ich das erst mal mit meinem Vater Star Wars schauen durfte, und seit dem hat es mich nicht mehr los gelassen. Ich war voll davon Rebellen und Jedis zu verfolgen. Mein, imaginäres, rote Lichtschwert und ich. Und zum Schluss überwältigte ich den Imperator und die ganze Galaxis gehörte mir! Muahaha! Mindestens 10 mal am Tag. Aber wie gesagt, ich war 10, er ist 5.

Ich verwöhne den Jungen auch zu sehr. Er weiß ganz genau, dass er zu mir kommen muss und nicht zum Papa. Ich bin diejenige, die fünfe gerade stehen lässt und einfach mal nichts sagt. Also bin ich vielleicht zu lasch. Ich bin die, mir der man herumalbert und Spaß hat/macht. Ich bin die, über die ein paar ältere Kids (so 12, 13 Jahre alt) mal gesagt haben: „Hey! Schau Dir mal die Mutter von dem Kleinen da an! Die ist ja cool! Das würden meine Eltern nie mit machen!“ Und das habe ich durchaus als Kompliment aufgefasst! Ich bin die, die Ihrem Sohn erlaubt mal Schokolade zu essen, bis es ihm schlecht wird. Ich bin die, die sagt „Okay noch 5 Minuten…“ und es wieder vergisst, so das mich der Zwerg daran erinnert das er doch eigentlich (Beispiel) Zähne putzen muß.

Ich bin aber auch diejenige, die niemals, oder besser selten, ein, naja, wie nennt man das jetzt am besten? „Problem“ mit dem Zwerg hat. Wenn Wolfgang ihn 5 Mal sagen muß „Zieh jetzt bitte deinen Schlafanzug an“ reicht es bei mir zwei mal. Denn wenn er es nicht macht, helfe ich meist und wir machen noch ein bisschen Quatsch dabei. Sei es die Hose als Oberteil an zu ziehen und dem Pulli als Hose oder beim Ausziehen, dass ich seine Sachen einfach nicht aus bekomme und er mir doch zeigen soll wie es besser geht. Oder Zähne putzen. Er will nicht! Also putzt er mir zuerst die Zähne und dann ich ihm. Fertig!

Ja, ich durfte mir schon ganz oft anhören, dass ich keine gute Mutter sei! Ich würde vieles Falsch machen. Das mag sein. Wird sich dann ja zeigen, wenn der Zwerg erwachen ist. Ich bin mir auch durchaus bewusst, dass ich vieles nicht gerade richtig mache und das ich hätte anders handeln können. Aber es hat sich dann vielleicht gerade nicht „ergeben“. Es ging sogar schon mal so weit, das ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich alles hin geschmissen habe, meinen Haustürschlüssel gegriffen hab und abgehauen bin, mit dem Satz „wenn ich als Mutter nichts tauge, dann macht ihr es halt besser“. Dann war ich erstmal mehrer Stunden weg. Vorhaltungen durfte ich mir viele anhören. Zu jeder Situation bestimmt mindestens 3. Und ich beginne tatsächlich darüber nach zu denken, ob „die anderen“ nicht vielleicht recht haben, und ich mich wirklich ändern muß.

Und dann ist es wieder 20 Uhr. Ich gehe ins Zimmer vom Zwerg, er gibt mir noch einen Kuss und nimmt mich in den Arm. Wir drücken uns ganz fest. Beim raus gehen sagt er noch: „Mama! – Du bist die beste Mama die ich kenne. Ich hab dich lieb!“ oder „Du bis die beste Mama der Welt“ – Danach wird dann wieder gekuschelt.

Ich würde sagen, alles richtig gemacht

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